🐢 Nimm doch mal das Tempo raus!
Julia von @julias_buchcafe hat meinen Roman „Die Verwandlung in Julia oder Kafkas Käfer“ gelesen und in einem Post darauf hingewiesen, dass sie dieses Buch sehr bewusst langsam gelesen hat. [Link zu Julias Post: https://www.instagram.com/p/DWZYID1DKso/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==]
Endlich einmal jemand, der nicht blitzschnell schmökert und drei Bücher am Tag mental „wegfrisst“! Ich persönlich kann das gar nicht: schnell lesen. Und ich kann auch nicht schnell schreiben. Beides braucht bei mir Zeit. Beim Lesen gehen mir zu viele Details verloren, wenn ich das Tempo zu sehr steigere. 📉 Am schnellen Schreiben hindert mich zum einen, dass ich nie das Zehnfingersystem gelernt habe, zum anderen aber die Art und Weise, wie sich Gedanken in meinem Kopf entwickeln: Das ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. An die erste Formulierung schließen sich etliche Überarbeitungszyklen an – da wird gefeilt und geschliffen, gestrichen und hinzugefügt, bis exakt das auf dem Papier steht, was ich ausdrücken will. Das dauert. ✨✍️
🧩Hilfe - ich bin unpassend!
Dementsprechend passe ich nicht allzu gut zum heutigen Buchmarkt. Dieser setzt darauf, dass der Mensch neu-gierig ist – also gierig auf Neues, immerzu, fortwährend und gleichzeitig blitzschnell gelangweilt. Herzlichen Dank an digitale Medien, die wegen ihrer Machart die Aufmerksamkeitsspanne eine durchschnittlichen Konsumenten gesenkt haben - bei TikTok sind 3 Sekunden eine mediale Ewigkeit. Das prägt. Ob wir wollen oder nicht. Das Phänomen reicht bis in den Buchmarkt und Lesegewohnheiten seiner Bewohner hinein.
Algorithmen bevorzugen Neuerscheinungen; ein vier Wochen altes Buch gilt oft schon als „alt“. Dass viele Verlage und Selfpublisher ihren Büchern ein Makeover verpassen, um sie als „frisch erschienen“ für den Algorithmus zu tarnen, kommt nicht von ungefähr. 🔄
Das Resultat ist eine Bücherschwemme, der eine immer kleiner werdende Lesergemeinde als Kundschaft gegenübersteht. Viele Autorinnen fühlen sich vom Konkurrenzdruck und dem Leistungsdruck der Plattformen regelrecht vorwärtsgepeitscht. Doch das ist weder gut für die Schreibenden noch für die Lesenden.
🌿 Langsam ist gut!
Ich sehe diesen Zeitdruck kritisch. Sehr kritisch. Immer wieder lese ich Statements von Kolleg:innen bzw. Bogger:innen, die das Schreiben und Publizieren sowie Rezensieren mit der Begründung aufgeben, sie fühlten sich ausgebrannt.
Nicht umsonst gilt Entschleunigung im Alltag als wichtige Maßnahme, um die geistige Gesundheit zu fördern. Achtsames Lesen ist hier eine entscheidende Komponente, damit beispielsweise der Stressabbau durch Bücher überhaupt gelingen kann.
Für mich gilt beim Lesen & Schreiben: Tiefgang statt Tempo. 🌊 Die Immersion beim Lesen – das völlige Abtauchen in den Inhalt – benötigt Zeit. Selbstreflexion und die Reflexion durch Lektüre gelingen nicht, wenn man Texte nur oberflächlich überfliegt.
Als einen rot blinkend warnenden Indikator dafür, wie sehr die "Buchbubble" unter dem selbst auferlegten Tempo aufseiten von Autor:innen, Blogger:innen & Leser:innen leidet empfinde ich die sich aktuell häufenden Posts, deren Verfasser:innen sich gegenseitig versichern, dass sie nicht hetzen müssen. Dass sie "genug" sind. Dass sie sich nicht nach von außen gesetzten fragwürdigen Maßstäben richten müssen, sondern ihrem eigenen Antrieb folgen - in ihrem ganz persönlichen Tempo.
Leute - ihr seid erwachsen! Fällt doch eure Entscheidungen, ohne euch öffentlich so eine Art Absolution zu erteilen bzw. erteilen zu lassen. Allein die Tatsache, wie viele Posts derzeit dokumentieren, dass ihre Verfasser sich bewusst und ruckartig von dem ständigen Mehr & Schneller abwenden müssen, sollte zu denken geben. Mir bereiten diese Posts Sorgen!
Warum ist langsames Lesen gesund?
Gesunde Effekte sind buchstäblich messbar: Langsames Lesen senkt den Cortisolspiegel (Stresshormonspiegel) und den Blutdruck, verbessert die Sauerstoffsättigung im Blut sowie die Herz- und Atemfrequenz. 🩺
Der Vorteil von Slow Reading?
Was man langsam liest, bleibt länger im Gedächtnis. Lernvorgänge gelingen besser und die emotionale Tiefe einer Geschichte – wie bei Julias Schicksal in meinem Roman – lässt sich so erst wirklich begreifen.
In einer Welt, die sich immer schneller dreht, ist Entschleunigung kein Luxus, sondern eine gesundheitliche Notwendigkeit. Wer nicht nur Zeit totschlagen will, sollte langsam lesen. 🐌📖
#slowreading #Entschleunigung #Achtsamkeitimalltag #KafkasKäfer #Bücherliebe #Autorenleben
Rund ums Schreiben, Verlegen, Kaufen und Lesen von Bücher, täte dem Buchmarkt die Wiederentdeckung der Langsamkeit gut - damit der Schreibprozess wieder Werke mit mehr Tiefe hervorbringt und Bücher nicht quasi im Akkord gelesen werden, sondern die Chance erhalten, auf ihre Leser tatsächlich wirken zu können.
🌱 Manifest für langsames Lesen 🌱
In einer Welt, die rast, wählen wir den bewussten Stillstand. Wir tauschen das Skandieren gegen das Versinken, das Verschlingen gegen das Genießen. Wir sind die Gemeinschaft der Slow Reader.
Unser Creo: Langsamkeit ist keine Schwäche. Sie ist die Superkraft der Wahrnehmung.
I. Wir lesen nicht, um fertig zu werden. Wir lesen, um da zu sein. Das Ziel ist nicht die letzte Seite, sondern der Moment zwischen den Zeilen. Ein gutes Buch ist kein Sprint, sondern ein Spaziergang durch Gedankenwelten. Wir geben jedem Wort den Raum, den es verdient.
II. Wir tauschen Algorithmen gegen Tiefe. Der Buchmarkt mag sich immer schneller drehen, peitscht Neuerscheinungen nach vorn und züchtet wahnwitzige Produktionsgeschwindigkeiten. Wir aber peitschen nicht. Wir lassen uns nicht von Trends treiben, sondern von Themen, die uns im Kern berühren.
III. Wir lassen den Inhalt setzen. Echte Literatur hat Tiefgang. Sie fordert uns heraus, sie spiegelt unsere eigenen Erfahrungen – wie die dunklen Schatten von Mobbing oder die leise Hoffnung auf Verwandlung. Solche Geschichten brauchen Zeit, um zu wirken. Wir legen Pausen ein. Wir atmen durch. Wir lassen die Worte in uns nachhallen.
IV. Wir lesen mit dem Herzen, nicht mit der Stoppuhr. Tempo rausnehmen tut gut. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge und der Wertschätzung gegenüber der Kunst. Gönnt euch Bücher, die euch tief berühren, statt nur Serienprodukte zu konsumieren.
Dieser Titel ist sehr langsam geschrieben worden - und eignet sich wegen seines Tiefgangs wunderbar dazu, langsam / achtsam gelesen zu werden!
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