㊙️ Wenn nichts einen Sinn ergibt

Veröffentlicht am 8. Januar 2026 um 20:11

Kennst du das Gefühl ...?

Was meine Hauptfigur im Roman "Die Verwandlung in Julia oder Kafkas Käfer" erlebt, kennen höchstwahrscheinlich die meisten Menschen: Julia lernen wir kennen, als ihr alles sinnlos erscheint, wenn anscheinend die ganze Welt sich gegen sie wendet. Ihre Situation ist leider typisch für ihre Altersklasse: Als Teenager fühlt sie sich unverstanden.

Warum Teenager sich unverstanden fühlen

Das mag zum einen an der oft auftretenden Sinnkrise in der Jugend liegen, die über viele ebenso unausweichlich hereinbricht, wie die sogenannte Midlife-Crisis über deutlich ältere Menschen. Wenn nichts mehr Sinn ergibt in der Pubertät, kann das daran liegen, dass gerade junge Menschen eine eigene Meinung entwickeln, eigene Einsichten & Ansichten, wie die Dinge sind und laufen müssten. Letzteres  steht oft in krassem Widerspruch zur Realität. Daran kann man wirklich verzweifeln - in jedem Alter! Warum verhalten sich Menschen und ganze Gesellschaften nicht besser? Ehrlicher? Liebevoller? Rücksichtsvoller? Weniger auf den eigenen Vorteil bedacht …?

Jugendliche setzen sich damit auseinander, kämpfen darum, wahrgenommen und verstanden zu werden, denn endlich wissen sie, wie der Hase läuft – und entwickeln Visionen, wie er laufen sollte. Aber wie sollen sie das alles einer Umwelt verständlich machen, die sich eingerichtet hat mit allen möglichen Widersprüchen und Ungerechtigkeiten? Heranwachsende  erklären sich - doch niemand hört zu. Sich unverstanden fühlen - das bilden sich junge Menschen nicht ein; es ist oftmals einen Tatsache. Im Rahmen der Prozesse, die dabei ablaufen, entstehen zuerst Konflikte mit ihrem sozialen Umfeld, schließlich emotionale Not bei Teenagern: Sie wollen Veränderungen – und können sie in der Regel nicht herbeiführen; sie möchten handeln, aber ihre Umgebung lässt sie nicht.

Isolation bei Jugendlichen

Für viele Jugendliche läuft die Konfrontation mit ihrer Umgebung darauf hinaus, dass sie in der Pubertät Konflikte und misslingende Kommunikation als persönliches Versagen, als eigene Fehler wahrnehmen.

Was geschieht daraufhin oft? Ein Teenager zieht sich zurück und spricht nicht mehr – schließlich lassen sich so die nervigen & frustrierenden Streitereien vermeiden. Genau deshalb ist Einsamkeit in der Pubertät ein weitverbreitetes Phänomen. Schweigen als Schutzmechanismus sorgt dafür, dass die gefühlte Einsamkeit sich vertieft und zur permanenten Realität wird.

Diese häufig auftretende Sprachlosigkeit in der Pubertät ist verantwortlich dafür, dass die Isolation auch nicht so bald endet. Denn: Wie sollte das funktionieren, wenn Worte fehlen, die Brücken bauen könnten? Jugendliche und ihre inneren Konflikte bleiben stumm, häufig allein – und deswegen hilflos, also buchstäblich ohne Hilfe.

Die Kommunikation mit Jugendlichen bricht ab – was dann?

Gerade, wenn man beobachtet, ein Teenager isoliert sich, ist das ein Warnsignal für eine emotionale Überforderung. Die temporäre Sinnkrise der Jugend kann zur Lebenskrise werden, wenn ein junger Mensch in dieser Situation mit seinem emotionalen Stress allein bleibt. Wenn ein Teenager schweigt, ist es höchste Zeit für Personen rundum, neue Wege der Kommunikation zu suchen, nach den Ursachen zu fragen, Nähe zu zeigen, geduldig zu warten, bis ein offenes Ohr als solches wahrgenommen wird und wieder Gespräche möglich werden.

Ja, Jugendliche und Selbstzweifel gehören fest zusammen. Es ist anstrengend, diese Selbstzweifel mit auszuhalten als Eltern, Freund, Freundin etc. Aber Liebe schafft das.

Die fast bei jedem Erwachsenwerden auftretende Phase der Orientierungslosigkeit der Teenager kann man auch positiv sehen: als Suchbewegung eines verantwortungsbewussten Menschen, der seinen Platz in der Welt aktiv sucht, sich einmal nach hier, da und dort wendet, um den eigenen Weg zu finden. Das ist gut so, richtig & wichtig und sollte eine nicht bevormundende Begleitung erfahren, die sich interessiert, bestätigt und stützt, die stärkt, anstatt genervt auf jeden neuen Umweg zu reagieren, den so eine Suchbewegung nun einmal mit sich bringt.

Was hat mein Roman damit zu tun?

Für Julia gilt: Schon das Kind spricht nicht mehr. Der Teenager isoliert sich später. Ihre Suche nach dem richtigen Weg zwischen mangelndem Interesse und Verständnis aufseiten ihrer Eltern und dem Mobbing in der Schule zerbricht sie fast, bis sie die ultimative Sinnfrage stellt: Will ich überhaupt leben?

Zum Glück hindert sie jemand daran, sich spontan umzubringen. Auf einer psychiatrischen Station erhält Julia eine lebensrettende Atempause und der Druck aus Elternhaus bzw. Schule lässt endlich nach.

Wie sich aus diesem „Waffenstillstand“ ein echtes neues Interesse am Leben entwickelt, schildert mein Roman. Dabei verändert sich nicht die ganze Welt – nur ein Mensch wendet sich Julia interessiert zu und ihr Gefühl der inneren Leere verwandelt sich daraufhin in eine tiefe Zuneigung zu ihrem Mitpatienten Roman. Das ist der Katalysator, der Rückhalt, den Julia braucht, um aus ihrer Insolation auszubrechen, aufzubrechen Richtung Glück.

Ich möchte, dass mein Buch nicht nur Teenagern, sondern allen Menschen in einer Sinnkrise das Licht am Horizont zeigt, die Kraft und das Durchhaltevermögen schenkt, die es braucht, bis wir wieder Worte finden, um aus unserer Einsamkeit aufzubrechen in belastbare neue Beziehungen, die das Leben nicht nur erträglich, sondern schön machen …

... was lernen wir daraus?

In Julias Geschichte studieren wir einen Extremfall - damit wir für den Normalfall daraus lernen. 

Wer gerade nicht in einer Sinnkrise steckt, bekommt beim Lesen Verständnis für jene Menschen, die da gerade irgendwie hindurchmüssen - und vielleicht so Impulse, wie man helfen kann.

Wer gerade in einer Sinnkrise steckt, kann beim Lesen erfahren, dass es Auswege auch aus ganz tiefen Tälern gibt, in die wir geraten. Das ermutigt, weiter nach solchen Wegen zu suchen, bis man sie findet. 

Bücher helfen!

Übrigens: Sinnkrisen kommen zwar bei Teenagern recht häufig vor - Menschen, die sich wirklich mit ihrem Leben auseinandersetzen, durchlaufen sie aber in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen, eben weil sie ihr Dasein ständig reflektieren. Das Auftreten solcher Krisen ist normal. Darin stecken zu bleiben, ist fatal ...

Bücher zu lesen kann hier eine großartige Form der - auch präventiven - Therapie darstellen: Leser sind einfach, weil sie in Büchern in die Haut anderer Menschen schlüpfen, besser vorbereitet, wenn plötzlich große Fragen sie bedrängen, weil sie sich u. U. schon einmal aus zweiter Reihe damit erfolgreich auseinandergesetzt haben. 

Junges Mädchen hält sich mit beiden Händen die Ohren zu: Weghören.

Der Prozess Richtung Isolation verläuft oftmals so: Weghören.

Junges Mädchen bedeckt mit einer Hand den Mund: Schweigen.

Verstummen.

Junges Mädchen wendet uns den Rücken zu und schaut uns mit gerunzelter Stirn finster an: sich abwenden.

... sich abwenden.

Schülergruppe, in der das junge Mädchen der vorherigen Bilder fehlt: Und irgendwann gehörst du nicht mehr dazu.

Cover von "Die Verwandlung in Julia oder Kafkas Käfer" von Barbara Rath erschienen bei BVK impulse

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