🥇 "Das Zimmermädchen vom Adlon" von Anett Diell

Veröffentlicht am 22. April 2026 um 16:42

Eine faszinierende Zeitreise in die 1920-er Jahre

Rezension von "Das Zimmermädchen vom Adlon"

von Anett Diell / Gmeiner Verlag

(unbezahlte Werbung)

👀 >>>MEINE LESEEMPFEHLUNG AUF 1 BLICK

Ein historischer Roman, der zur Zeitreise in die sogenannten wild-goldenen 1920-er Jahre ins berühmte Hotel Adlon nach Berlin einlädt: wundervoll zählt, spannende Figuren, große Gefühle, sorgfältig recherchiert und mit erstaunlich vielen Parallelen zur Gegenwart. Also? Lesen. Unbedingt!

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📝>>> INHALT

Die Beerdigung des Seniorchefs des Adlon bildet den Einstieg in die Handlung - sein Sohn Louis muss in schwierigen Zeiten die Leitung des Hauses übernehmen. Obwohl das renommierte Hotel eine Vielzahl von Mitarbeitern hat, versteht es Anett Diell, uns behutsam mit ihnen und ihren vielfältigen Aufgaben bekannt zu machen, also ohne zu überfordern.

Irabella Keller bewirbt sich als Zimmermädchen im Adlon, d. h. recht weit unten in der Hierarchie. Sie tanzt allerdings vom ersten Augenblick an aus der Reihe - obwohl sie nicht gern auffällt. Als Zimmermädchen wird sie engagiert, doch ihre umfassende Bildung (das Beherrschen von Fremdsprachen beispielsweise) und der "frische Wind im Rücken" in Form ungewöhnlich kreativer Ideen, den sie als für sie typisches Attribut beschreibt, sorgen dafür, dass sie bald deutlich mehr tut, als lediglich Betten zu machen. Sie übernimmt Aufgaben an der Rezeption, DER Schaltstelle und Informationsbörse eines jeden Hotels, wo sie sehr bald das Vertrauen des Concierge Julius gewinnt.

Nach und nach erfahren wir, was die Berliner Luxusherberge auszeichnet, sowohl in Bezug auf technische Errungenschaften, außergewöhnlichen Service, wie auch den einmaligen Stil des Hauses: "Was im Adlon geschieht, bleibt im Adlon!"

Obwohl Ira ihr Herz nicht riskieren will, verliert sie es an Maxim, der unter der Knute seines Vaters mehrere Restaurants in Berlin leitet - und verliebt sich wider Willen, aber gründlich. Maxim ist es, der aus Iras Leidenschaft fürs Tanzen buchstäblich ein zweites Standbein macht: eine Karriere als "Solo-Performerin" in den vergnügungssüchtigen Tanzsälen der brodelnden Stadt, die sich bemüht, die wirtschaftliche Not der Inflation und die Verzweiflung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Champagner zu ersäufen, mit Kokain zu überpudern und mit Nacktheit zu verkleiden, damit nur ja niemand zum Nachdenken kommt ...

Kein Wunder, dass der eher still-verträumte Dichter Charles - zunächst Dauergast im Adlon, - dessen Bett Irabella gelegentlich macht, geradezu untergeht auf dem grellbunten Hintergrund des Zeitgeschehens mit seinen Gefühlen für das Zimmermädchen.

Der Druck, der von allen nur möglichen Seiten  - Wirtschaft, Politik, Soziales - die Menschen bedrängt, verändert sie. Iras Beziehung zu Maxim steht dadurch nach einiger Zeit infrage, Charles tritt wieder in ihr Leben ...

>>>SPRACHE

Die Sprache, in der Anett Diell ihre Geschichte erzählt, ist ungeheuer präzise, verwendet Vokabeln, die sich unheimlich freuen, nach langer Zeit einmal wieder aus der Versenkung geholt und zum Leben erweckt worden zu sein. Damit entsteht eine Sprachathmosphäre, die uns aus unserem stetig verflachenden  Alltagsdeutsch zurückkatapultiert in eine vergangene Zeit. Ob man im Berlin der 1920-er so gesprochen hat? Möglich, aber völlig egal - der Ausdruck im Werk zieht mich aus meiner Gegenwart unwiderstehlich hinaus! Ich liebe und schätze es, wenn Deutsch als eine der bestausgebauten Sprachen der Welt einmal - schillernd wie ein pailletten- und fransenbesetztes Kleid - seine ganze Pracht entfalten kann!

>>>PLOT

Das Werk bildet eine Schnittmenge unterschiedlicher Genres, die fließend ineinander übergehen, um ein harmonisches großes Ganzes zu bilden: Da lassen sich historischer Roman, zwei Lovestorys oder ein Lovetriangle, ein Hauch Familiengeheimnis, eine Prise Sachbuch übers Adlon identifizieren, ja sogar der Hauch einer Crimestory wartet am Ende auf uns. All das ist säuberlich in den historischen Kontext eingebettet, ohne dass Verwerfungslinien entstehen. Gutes Handwerk!

>>>DETAILVERLIEBT & MIT DICKEN PINSELSTRICHEN MALEND

Das Erzähltempo im Roman variiert in einer geradezu erstaunlichen Bandbreite während der Lektüre: Manchmal zeichnen flächige Pinselstriche die Landschaft im Großen und Ganzen; dann wieder greift Anett Diell zur Lupe und zerlegt einen kurzen Augenblick in alle nur denkbaren Facetten von Ereignissen,  Beobachtungen und Emotionen - entsprechend entfaltet sich die Handlung mal im Hinter-, mal im Vordergrund, bisweilen langsam, dann wieder schnell. Sehr gekonnt.

Ich hatte den Eindruck, bald die hitzige, vollkommen überzogene und überreizte Atmosphäre der Ballsäle & Tanzveranstaltungen fiebrig mitzuerleben. Dann wieder knirschten die Bremsen, wenn das Erscheinen von Haribos klebrig-süßen Gummibärchen eine liebenswert kleinteilige Darstellung im Hinblick auf ihren Auftritt auf der Weltbühne erhielt.

>>>DIE ATMOSPHÄRE

In der ersten Hälfte des Werks blitzen die Hinweise auf den aufkommenden Nationalsozialismus nur gelegentlich auf - und doch erzeugten die Hinweise darauf bei mir beim Lesen früh das Gefühl einer sich schließenden Schlinge, die sich unweigerlich zuziehen, einengen, würgen und in letzter Konsequenz töten wird: Ich kenne die deutsche Geschichte. Stolpersteine unterbrechen nicht grundlos meine Schritte immer wieder. Das habe ich persönlich als bedrückend empfunden - weil die Gefahr von Rechts auch heute wieder ihr widerwärtig braunes Haupt erhebt.

Der Spagat damals zwischen politischer & wirtschaftlicher Not sowie vollkommen hemmungslosem Sich-Gehen-Lassen gleicht im Hinblick auf das entstehende Spannungsfeld im Roman fatal der heutigen Situation, in der ich Individuen zerrissen erlebe zwischen tiefer innerer Einsamkeit und dem inneren Zwang zur Offenbarung teils intimster Dinge auf Social Media während ihrer verzweifelten Jagd nach einem Gefühl von Zugehörigkeit in Form (anonymer) Klicks: Da wird in Kameras geheult, was das Zeug hält, in der Hoffnung, auf diese Weise Empathie zu ernten und die Vereinsamung zurückdrängen zu können. Funktioniert ebenso wenig, wie eine Hyperinflation wegzuschnupfen oder vor ihr davonzutanzen. Auch dieser Umstand trug dazu bei, dass ich manchmal beim Lesen ein Gefühl der Beklemmung empfand: Anett Diells Roman unterhält, gleichzeitig legt die Autorin den Finger in so manche Wunde, sodass insgesamt keine einfache Unterhaltung geboten wird, sondern eine mit Tiefgang, voll Mahnung, mit vielen Denkanstößen.

Der Ausgang des Werks versöhnt, hat mich als Leserin nicht unglücklich oder unzufrieden zurückgelassen - mein Dankeschön dafür!

>>>WERTVOLLE ZUGABE

Gerade bei historischen Romanen weiß ich es besonders zu schätzen, wenn Autor:innen aufschlüsseln, wo sie Fakten servieren und wo sie fabulieren. Anett Diell hat das getan, ihre Quellen benannt und zudem noch Informationen mit biografischem Hintergrundmaterial über im Buch auftauchende Figuren geliefert, wo das möglich war, es sich also um historische Personen handelte. Das rundet für mich das Werk wunderbar ab! Danke dafür.

📑 >>> FAZIT

Ein Buch, das meine Lesezeit absolut wert war mit vielen, wenn auch nicht immer einfachen Denkanstößen. Nichts für mentale Leichtgewichte bzw. den Wunsch nach oberflächlicher Unterhaltung, würde ich sagen, sondern eine in mehrerlei Hinsicht wertvolle Lektüre für Menschen, die sich auseinandersetzen wollen. Daher vergebe ich gerne 5 Sterne: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 

 

PS: EINE GANZ PERSÖNLICHE BEMERKUNG ZUM SCHLUSS

... in einem Punkt fand ich das Buch nicht glaubwürdig: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Irabella Kellers Kolleginnen sich NICHT  daran störten, welche Sonderrolle sie bald bekleidet: Eine Karriere als Solotänzerin und eine freundschaftliche Beziehung zur Chefetage samt einem Zimmer im Hotel? So ein Herausgehobensein erweckt meiner Erfahrung nach Neid und ruft ein ablehnendes Verhalten hervor. Aber vielleicht kann ich mir auch einfach nur nicht die wunderbare Verbundenheit der Mitarbeiter im Adlon ausmalen, die derartige Eifersüchteleien nicht kannten ...

Mein Problem, nicht das des Buches ;-)


Link zur Seite der Autorin


Zeitreise durch Lesen - möglich mit dem Roman von Anett Diell über das Hotel Adlon / Berlin

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Wo historische Persönlichkeiten auftreten, ist ihr Reden, Denken und Handeln so frei erfunden wie das der anderen Figuren.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Lektorat: Daniel Abt

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

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unter Verwendung der Bilder von: © filo / iStock.com; Landesarchiv Baden-Württemberg, Fotograf: Willy Pragher, CC BY 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Unter_den_Linden;_S%C3%BCdseite;_Pariser_Platz,_Hotel_Adlon_-_W134Nr.009418_-_Willy_Pragher.jpg

ISBN 978-3-7349-3496-4


Herzlichen Dank an den verlag!

Der Gmeiner-Verlag hat mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte! 😘


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